Le Costantine – 125 Jahre italienische Frauenpower

Seit ich mein zweites Zuhause im Salento habe, entdecke ich immer wieder Geschichten von Frauen aus diesem südlichen Zipfel Europas, die mich beeindrucken. Heute möchte ich von der Initiative „Le Costantine“ erzählen.

Sie beginnt am Anfang des 20. Jahrhunderts mit zwei Schwägerinnen, die sich aufmachten, um die archaische Gesellschaftsstruktur im mediterranen Süden Italiens zu verändern. Unbefriedigt von der klassischen Geschlechtertrennung, wonach sich der Wirkungsbereich von Frauen auf den häuslichen Bereich zu beschränken habe, gründeten sie im Salento, am südlichen Zipfel Apuliens, ein Unternehmen, das Frauen soziale und wirtschaftliche Teilhabe ermöglichen sollte. Die eine Schwägerin hieß Carolina De Viti de Marco und stammte aus einer salentinischen Adelsfamilie mit Sitz in dem Örtchen Casamasella in der Provinz Lecce. Die andere, Harriet Lathrop Dunham, kam aus New York und war bereits eine bekannte Journalistin und Feministin, als es sie nach Süditalien verschlug, wo sie Carolinas Bruder, einen angesehenen Ökonomen, heiratete. Etta, wie sie fortan hieß, brachte fortschrittliche Ideen aus der angelsächsischen Welt nach Italien, setzte sich für das Frauenwahlrecht ein und wurde zu einer prägende Figur in der italienischen Frauenbewegung.

Carolina De Viti de Marco
Etta De Viti de Marco

Die Begegnung war für beide Frauen eine glückliche Fügung. Während Etta sich aktiv für Frauenrechte engagierte und für eine moderne, emanzipatorische Sozialpolitik eintrat, die auf die wirtschaftliche Unabhängigkeit des weiblichen Teils der Bevölkerung abzielte, war Carolina eine leidenschaftliche Botanikerin und bewies großes Organisationstalent in der Verwaltung des landwirtschaftlichen Familienbetriebs „Le Costantine“. Sie träumte davon, auf dem Familiengut ein Bildungszentrum nach den Montessori-Prinzipien zu schaffen, in dem Selbstständigkeit, praktisches Lernen und die Entwicklung durch sinnliche Erfahrung im Mittelpunkt stehen sollten.

Die Vision von Etta und Carolina

Im Jahr 1901 nahm die Vision von Carolina und Etta mit der Gründung einer Web- und Stickschule für Frauen auf dem Familiengut konkrete Gestalt an. Auf Grundlage von sozialreformerischen und emanzipatorischen Ansätzen schufen sie mit der „Scuola Casamasella“, einen Ort, der ganz anders funktionieren sollte, als es für die (männergeführten) Unternehmen der Zeit üblich war. Von Frauen, für Frauen wollten sie die traditionelle Textil- und Handarbeitskunst aus dem häuslichen Bereich herauslösen, professionalisieren und den Frauen damit neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven eröffnen. Frauen sollten nicht mehr nur für den Eigenbedarf oder als schlecht bezahlte Heimarbeiterinnen arbeiten, sondern durch qualifizierte Ausbildung Zugang zu fairer Bezahlung und Mitsprache in der Produktion erhalten. Zwar gab es im Salento eine lange Tradition der Textil- und Stickkunst, doch die „Scuola di Casamasella“ war das erste strukturierte, institutionelle Projekt dieser Art in der Region. Indem sie Ausbildung, Arbeit und Einkommen bot, trug die Schule zur ökonomischen Unabhängigkeit von Frauen bei. Darüber hinaus führte die Bewahrung und Weiterentwicklung der lokalen Handwerkstraditionen langfristig zu einer wirtschaftlichen und kulturellen Aufwertung der Region..

Etta De Viti de Marco

Die treibende Kraft hinter der Ausrichtung der Schule als Instrument zur Stärkung der weiblichen Autonomie und zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Region war zweifellos Etta. Ihre internationale Perspektive und ihr Engagement für die Frauenbewegung – 1906 gehörte sie zu den Erstunterzeichnerinnen der Petition für das Frauenwahlrecht in Italien – prägten die Philosophie und die Ziele der „Scuola di Casamasella“ maßgeblich. Carolina war die Organisatorin und Pädagogin des Projekts. Nicht zuletzt war sie diejenige, die mit dem Familiensitz die geeignete Location bieten konnte. Geprägt von gegenseitigem Respekt, gemeinsamen Idealen und dem Willen, gesellschaftliche Strukturen zu verändern, legte die Zusammenarbeit der Schwägerinnen den Grundstein für eine Institution, die bereits wenige Jahre nach ihrer Gründung 500 Arbeiterinnen und Schülerinnen zählte und sich schnell von einer lokalen Schule für Stickerei und Webkunst zu einer bedeutenden sozialen und wirtschaftlichen Institution im Salento entwickelte.

Die Gründung der Stiftung

Nach dem Tod der Gründerinnen führten ihre Töchter Giulia Starace und Lucia De Viti De Marco das Erbe fort. Sie bauten die Werkstätten aus, organisierten neue Ausbildungsprogramme und gründeten schließlich 1982 unter dem Namen „Le Costantine“ eine Stiftung, in der Handwerk, Bildung, soziale Integration und nachhaltige Landwirtschaft zusammengeführt wurden. Auf dem 34 Hektar großen Anwesen werden alte Getreidesorten und einheimische Hülsenfrüchte nach biologisch-dynamischen Anbaumethoden angebaut. Geführte Wanderungen, Workshops und Outdoor-Aktivitäten auf dem Gelände sollen junge Menschen dazu ermutigen, sich für die landwirtschaftliche Arbeit zu interessieren und im Rhythmus der Natur positive Energien aufzuladen.

Cantando e Amando

Singen und Lieben: So hat Giulia Starace einst ihre Webwerkstatt betitelt. Und unter diesem klingenden Namen wurde die traditionelle Handweberei mit alten Holzwebstühlen im Jahr 2002 wieder eröffnet. Hundert Jahre nach der Gründung der „Scuola di Casamarella“ hat ein neues Leitungsteam den Generationenwechsel vorantrieben und Schulungen organisiert, um das alte Handwerkswissen wieder aufleben zu lassen. Fasern wie Kaschmir und Seide erweiterten die traditionelle Stoffpalette, neue Textilien für Wohn- und Wellness entstanden. In dieser Zeit entwickelte sich „Le Costantine“ von einer lokalen Initiative zu einer modernen, international vernetzten Stiftung. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hatte die frischberufene Stiftungspräsidentin Maria Cristina Rizzo. Als langjährige Bürgermeisterin eines Dorfs in der Gegend kannte sie die Wünsche und Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung – aber sie wusste auch, dass Klappern zum Handwerk gehört und baute daher die nationalen und internationalen Partnerschaften der Stiftung stetig aus.

Dior, Cantando e Amando, Cruise Collection, Lecce 2021

Die Kooperation mit Dior

Ihr größter Coup gelang ihr 2020, als sie Dior für eine Zusammenarbeit mit der Stiftung gewinnen konnte. Sie lud die Kreativdirektorin des französischen Modehauses Maria Grazia Chiuri zu einem Besuch nach Casamasella ein und die Designerin war von der Verbindung von Alt und Neu, von traditioneller Handarbeit und modernem Design im Gesamtkonzept der Manufaktur sofort begeistert. Selbst gebürtige Salentina, erkannte sie in den alten Webtechniken, aber auch in der selbstbewussten solidarischen Arbeitsweise der Näherinnen die „magischen“ Traditionen der Region. „Ich wollte eine Kollektion mit einer durch und durch positiven Ausstrahlung schaffen“, äußert die Designerin in einem Interview, „mit Stoffen, die Bewegung, Lebensfreude und Musik in sich tragen“. Und so kam es, dass Stoffe aus Casamassella 2020 in einer Haute-Couture-Kollektion von Dior im Sommer 2020 in Lecce präsentiert wurden. Der passende Slogan für die Modenschau war schnell gefunden: „Cantando e Amando“.

„Ich wollte immer, dass ein bedeutendes Modehaus uns entdeckt, und für mich ist es ein wahr gewordener Traum“

Maria Cristina Rizzo

Doch jeder Erfolg hat seinen Preis. Nach dem Medienrummel rund um die Kooperation mit Dior sind die Preise der Produkte von „Le Costantine“ explodiert. Für ein gewebtes Badehandtuch zahlt man schonmal um die 2.000 €, eine bestickte Handtasche kostet 500 € und eine Babydecke ist für 400 € zu haben. 

Die Werkstätten wurden von der Nachfrage geradezu überrollt. Bestellungen aus aller Welt gingen ein, zusätzliche Näherinnen mussten eingestellt und geschult werden, die Auftragsbücher waren voll, aber die Lager leer.  Es dauerte eine ganze Weile, bis die Manufaktur ihre Balance wiedergefunden hatte.

Fondazione Le Costantine

Heute schaut Senora Rizzi gelassen auf diese hektischen Zeiten zurück. Neben der Förderung von Frauen bildet die Förderung von benachteiligten Jugendlichen und Migrantinnen inzwischen einen Schwerpunkt der Stiftung, die als Berufsbildungseinrichtung akkreditiert ist und mit kostenlosen Ausbildungsprogrammen Chancen für gesellschaftliche Teilhabe und Integration eröffnet. Die Minderjährigen absolvieren drei Jahre lang Kurse in Weberei, Gastronomie, Landwirtschaft, Sprachen und Sozialarbeit und werden nach der Berufsqualifikation und einem Praktikum in apulischen Unternehmen in die Arbeitswelt begleitet. 

Ogni Cannatu è Pintu

Jeder Fehler beim Weben bringt ein neues Design hervor. – Diese sinngemäße Übersetzung einer apulischen Redensart kann als Leitsatz der Stiftung gelten, die aus der Wiederbelebung alter Traditionen Neues schöpft. 

125 Jahre nach der Gründung der „Scuola di Casamarella“ ist aus der lokalen Initiative zur Förderung von Frauen eine moderne, international vernetzte Stiftung entstanden, die Handwerk, soziale Innovation, Inklusion und nachhaltige Entwicklung miteinander verbindet.

Es gibt nichts, was nicht erneuert werden kann! Mal sehen, was „Le Costantine“ in der Zukunft noch alles vorhat …

„Im Leben muss man immer einen Traum haben, den man verfolgen kann und ein weiterer meiner vielen geheimen Träume ist es, eine Maulbeerplantage anzulegen, um wieder Seidenraupen züchten zu können, aus denen man Seide zum Weben gewinnen kann.“ 

Maria Cristina Rizzo

Quellen:

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